[Alltagsgeplauder] Die Leiden der jungen Morgenmufflerin

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Morgens, halb 8 in Österreich.

Eine Nachtschwärmerin wird durch das unsanfte, penetrante Geschrei des Handyweckers aus ihrem unnötigen Schöhnheitsschlaf gerissen. Halbblind und nachttrunken tastet sie zombiemäßig nach der einzigen legalen Droge die die schlafenden Hunde im inneren aufzuwecken versteht. Koffein.
Eine Tasse - der Blutdruck steigt, die Pupillen weiten sich, der Körper wechselt vom Überlebensmodus in einen akzeptablen Zustand. Auch die letzten Sandmännchenreste sind verschwunden. Make-Up sei Dank. Pünktlich wird das Haus verlassen um sich in ein großes, oft nervtötendes, hin und wieder amüsantes Abenteuer zu begeben. Eine Busfahrt die ist lustig. Eine Busfahrt die ist schön...
Schon bei der Pünktlichkeit beginnts - oft zu früh, noch öfter zu spät bahnt sich das quadratische Ungetüm seinen Weg zur Haltestelle. "Alles Einsteigen." Ein Satz den ich noch nie gehört habe. Doch sogleich wird man konfrontiert mit chronisch unfreundlichen oder dauergrinsenden  Busfahrern, die beim Schwarzfahren unterstützen, die mit ihren lässigen Bluetoothtelefondingern ihr Privatleben mit dir teilen, die schon mal den Mittelfinger benutzen, wenn sie sich in ihrer Vorfahrt oder Männlichkeit gekränkt fühlen. Denen man aber dennoch sein Leben anvertrauen muss, 12 Monate im Jahr. Darauf folgen die typischen über-70-erste-Reihe-Fahrerinnen, die den neuesten Tratsch und Klatsch so von  A nach B und C und D und E und F usw. usf. und wieder zurück transportieren (Herr Meier der ein Kribbeln in den Fingern verspürte war in der südlichen Gegend bereits der Arm abgenommen worden, westlich hatte man bereits den Tod festgestellt, nördlich war von einer walisischen Riesenkakerlake in den Finger gebissen worden und östlich war er von Aliens entführt und wieder zurückgebracht worden, das Kribbeln in den Fingern die Reste der Versuche die sie mit ihm durchgeführt hatten). Zurück zu den dauerwellentragenden, stehts freundlichen (außer man nimmt ihnen den Sitzplatz weg -obwohl noch der dreiviertelte Bus leer ist) charmanten Omas, die einem freundlicherweise große Geldscheine wechseln weil ihre Renten sowieso zu klein sind.
Ist man an ihnen endlich vorbei, folgen die wohl ruhigsten Reihen - die Dauermitfahrgäste mit eigenbrötlerpotenzial. Still, sittsam und etwas mürrisch, immer da, darauf ist verlass. Gegrüßt wird nicht. Geplaudert schon gar nicht. Am Mittelgangplatz gesessen, damit man sich ja nicht der Gefahr ausliefert, das einem ein einseitiges Gespräch aufgezwungen wird, an dem keinerlei Interesse besteht. Warum auch. Smalltalk wird sowieso überbewertet. Diese Reihe hinter mich gebracht, bleiben mir noch ungefähr 4 Sitzreihen, auf denen ich meine Busfahrt verbringen werde. Die größte Entscheidung des Tages - sitze ich links oder rechts, eins weiter hinten oder doch gleich da. Schön, im Leben eine Wahl zu haben. Dahinter? Alles Tabu. Das große weite Mysterium, welches sich jenseits der hinteren Tür befindet ist ein teilweise unerforschtes doch jugendlich dominiertes Territorium, welches meine Neugier noch nicht so kräftig kitzeln konnte, als dass ich einen Erkundungstrip gewagt hätte. Kinder mit dicken Schultaschen und Schnupfnasen und die coolen mit den nervigen "Oh-wir- müssen-ja-unbedingt-laut-Musik-spielen"-Jugendlichen die sich den Mittelgang entlang schleppen, ihr einziger Wunsch die letzte Reihe zu besetzen, haben mich immer abgeschreckt. Ja. Eine Thrillerfanatikerin mit Angst vor Kindern. 
Dann fährt man endlich. Geradeaus. Links. Rechts. Kurve. Mittendrin der Mittelfinger. 50 Minuten lang. Doch die wahre Glückslotterie des Lebens hat erst begonnen. Konnte man sich anfangs noch für einen Platz entscheiden, wird nun durch reines Schicksal ausgelost, wie die freien Plätze rund um einen aufgefüllt werden. Schnell nachdenken- in letzter Zeit unfreundlich gewesen? Alle Aufgaben erledigt? Jeden Tag eine gute Tat vollbracht? Heute wieder mal etwas Glück gehabt. Die lila Duftwolke bleibt 3 Reihen weiter vorne. Gleich daneben der Kettenraucher. Neutralisation, ganz nach meinem Geschmack. Pech nur, dass Frauen grundsätzlich gerne reden und 2 ganz besonders extreme Exemplare, welche die Kunst der belanglosen, oberflächlichen  Gespräche wunderbar beherrschen, die Plätze hinter mir besetzen. Ich hör mehr als ich will. Suche den Off- Schalter für meine Ohren. Mein Gehirn ist auch noch so dumm und saugt alle Informationen fleißig auf. Kein Wunder, dass für Lernstoff kein Platz mehr ist. Eine Überlegung- irgendwie muss ich das unterbrechen. Gaffatape für sie oder Ohrenstöpsel für mich?! Ich weiß. Dann kann man nur noch hoffen, das keine angriffslustigen Omas, keine gestressten Mamas, keine aufgedrehten Kinder, keine laut kaugummikauende Typen sich in das Abenteuer deines Lebens namens Bus verirren.

Das soll jetzt nichts heißen und eigentlich bin ich doch ein Sonnenschein, ein Optimist mit fettem Dauergrinsen im Gesicht. Doch vor dem zweiten Kaffee fällt es mir einfach etwas schwer andere Individuen auf diesem Planeten zu tolerieren geschweige denn zu akzeptieren. Nachvollziehbar.
Doch ein Geheimnis muss ich euch offenbaren. Eigentlich wollt ich es für mich behalten. Ihr wisst schon, wie mein kleiner Schatz, der nur mir gehört. Aber es wäre einfach unverantwortlich von mir, euch meine Überlebensstrategie zu verheimlichen. Ich sag es euch. Und nur euch.

Lesen.

Ihr versteht schon.

Buch an. Welt aus.


Kommentare:

  1. Hallöchen liebe Nicole,
    immer diese Morgenmuffel. Kann ich gar nicht nachvollziehen :b! Nein, ich kenne das auch. Ich habe zwar kein Problem damit aufzuwachen und mich loszumachen, aber ich würde wahnsinnig werden, wenn ich beim Straßenbahn fahren meine Hörgeräte nicht ausschalten könnte. (Da liebe ich die Dinger mal) denn dann kann ich ganz easy peasy lesen und muss keine anderen Menschen hören. Dann ist alles kein Problem. :D

    Liebst, Lotta

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  2. Servus Nicole,

    herrlich - ich habe gerade fast Tränen gelacht. Und zustimmend mit dem Kopf genickt (was war schon fast zustimmendes Head-Banging)

    "Doch vor dem zweiten Kaffee fällt es mir einfach etwas schwer andere Individuen auf diesem Planeten zu tolerieren geschweige denn zu akzeptieren." I know what you mean. Du sprichst mir aus dem Herzen und dabei bin ich ein friedlebender Mensch doch falsche Kommentare (naja... oder auch IRGENDWELCHE) vor der ersten Kaffeetasse können schnell zu einem weiteren Weltkrieg führen ;-)

    Und Deinen Satz "Buch an. Welt aus." finde ich absolut erste Sahne. Eigentlich auch ein genialer Blog Slogan! SUBBA!!

    Ich sach mal "Happy Weekend"
    und viele liebe Grüße
    Kati@ZeitzuLesen

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& freue mich über jeden Kommentar (:

Nicole ♥